Thema: Übertragbarkeit

Den Blick nach außen richten

Transdisziplinäre Forschung ist besonders wirksam, wenn sie Ergebnisse erarbeitet, die über den untersuchten Einzelfall hinaus aufgegriffen werden. Wie lässt sich diese Übertragbarkeit im Forschungsprozess anlegen?

Transdisziplinäre Projekte greifen komplexe Probleme auf, beispielsweise die Beeinträchtigung der Landschaft durch Zersiedlung oder mangelnde Wasserversorgung in einer Region. Diese Probleme sind immer eingebettet in Kontexte, d.h. in lokale, soziale, ökonomische, kulturelle, zeitliche Gegebenheiten und werden durch unterschiedliche Akteur*innen verschiedentlich wahrgenommen und adressiert. So können sich Probleme einer nachhaltigen Wasserversorgung oder der Gesundheitspolitik in verschiedenen Kontexten ganz unterschiedlich darstellen. Auch die Lösungsmöglichkeiten können sich unterscheiden. Der Anspruch transdisziplinärer Forschung besteht nun darin, Wissen und Lösungsansätze für komplexe gesellschaftliche Probleme zu liefern, die in Wissenschaft und Praxis anschlussfähig sind und idealerweise über den Einzelfall hinaus auch in anderen Kontexten umgesetzt werden.

Wie kann es gelingen, einmal gefundene Lösungen auch in andere Kontexte zu vermitteln und damit in der Breite anwendbar zu machen? Mit dieser Frage befasst sich der Schwerpunkt Übertragbarkeit.

Unter Übertragung versteht TransImpact den Prozess, in dem Wissen aus einem Kontext in einen neuen gelangt und dort angeeignet wird. Übertragbarkeit herzustellen bedeutet, dass ein Projekt Wissen so aufbereitet und bereitstellt, dass es Akteuren in einem anderen Kontext ermöglicht wird, dieses Wissen aufzugreifen und es in ihrem Kontext unter den lokalen Gegebenheiten in Wert zu setzen. In einem der untersuchten Projekte wurde beispielsweise ein Ansatz zur Gesundheitsförderung von Frauen in schwierigen Lebenslagen erst in einer Kleinstadt in ländlicher Region entwickelt. Der Ansatz wurde auf kleinere und größere Kommunen in ländlichen und städtischen Umgebung im selben Bundesland übertragen und später landesübergreifend in Großstädten erprobt.

Der Ausgangspunkt von Übertragungen, also das, was übertragen wird, sind Wissenskomplexe: Diese setzen sich aus unterschiedlichen Wissensbeständen zusammen. Zu diesen Wissensbeständen gehören wissenschaftliche Erkenntnisse, Expertenwissen etwa aus der Politik, das Knowhow der Beteiligten aus der Praxis, Erfahrungswissen von Betroffenen und Beteiligten oder Wissen der Projektkoordination über die Gestaltung der Prozesse im Projekt. Solches Wissen ist zum Teil an Personen gebunden oder kann in Form von Projektergebnissen aufbereitet werden, wie beispielsweise in Produkten, wie einem Handbuch oder einer Software, Veröffentlichungen oder in umgesetzten Lösungen, wie etwa Prototypen oder Pilotanlagen. Von der Aufbereitung und Vermittlung der Projektergebnisse hängt ab, wie gut das Wissen für andere zugänglich ist.

Viele transdisziplinäre Projekte bereiten ihre Ergebnisse gezielt für Übertragungen auf. Die Fördermittelgeber erwarten in der Regel einen entsprechenden Verwertungsplan bereits bei der Antragstellung.

Durch eine gute Aufbereitung und Bereitstellung von Ergebnissen ist eine Übertragung ohne direkten Austausch zwischen dem Projekt und dem neuen Kontext grundsätzlich möglich. Die empirischen Untersuchungen von TransImpact legen jedoch nah, dass die Wahrscheinlichkeit von Übertragungen durch eine persönliche Vermittlung der Ergebnisse gesteigert werden kann. Zudem wurde in einem Fachforum mit den untersuchten Projekten auf den Vorteil einer aktiven Beteiligung des neuen Kontextes für eine gelingende Übertragung verwiesen. Die Projektbeteiligten prägten dabei die Begriffe „Abholschuld“ sowie „Abholkontext“. Letzteren übernehmen wir in unsere Begrifflichkeit für den Schwerpunkt Übertragbarkeit. Dieser Begriff verweist darauf, dass es wichtig ist, den Blick nach außen zu richten und potenzielle Abholende ebenfalls eine Verantwortung tragen.

Übertragung bedeutet nicht das bloße Replizieren von Ergebnissen. Das Wissen, welches im Ursprungskontext entstanden ist, in den das transdisziplinäre Projekt eingebettet war, wird im neuen Kontext, im Abholkontext, ausgewählt und angeeignet. In unterschiedlichen Aneignungsprozessen wird das Wissen verändert und angereichert. Deswegen werden keine „Kochrezepte“ zur Lösung von Problemen übertragen. Im Gegenteil, auch nur eine Idee oder die Intention, einen Beitrag zur Lösung zu leisten können in einem anderen Kontext aufgenommen werden. Vorläufige Ergebnisse und Teillösungen eignen sich ebenfalls für Übertragungen. Übertragungen können während der Laufzeit eines Projektes erfolgen oder auch sehr viel später, und sie können geplant oder ungeplant geschehen.

Wie bereits eingangs erwähnt, bewegen sich transdisziplinäre Projekte in dem Spannungsfeld zwischen zwei Ansprüchen: Einerseits Wissen für eine möglichst passgenaue Lösung für den Ursprungskontext, andererseits erprobtes Wissen für andere Kontexte zur Verfügung zu stellen. Für diesen zweiten Anspruch muss der Blick ganz bewusst über das Projekt hinaus gerichtet werden.

TransImpact untersuchte empirisch, mit welchen Methoden und Vorgehensweisen Projekte förderliche Bedingungen (d.h. Potenziale) für Übertragungen ihrer Ergebnisse in einen anderen Kontext herstellen oder stärken können. In der Empirie zeichneten sich dabei folgende zentrale Möglichkeiten und Herausforderungen ab:

 

Möglichkeiten und Herausforderungen der Übertragbarkeit

Übertragungen finden immer statt

TransImpact geht davon aus, dass jedes transdisziplinäre Projekt grundsätzlich über Potenzial für Übertragungen verfügt. Im Projekt erworbenes Wissen und Erfahrungen werden von allen Mitwirkenden in ihre Arbeit in anderen Kontexten weitergetragen. Beispielsweise wissen die Projektbeteiligten nach Abschluss eines Projektes mehr als vorher über Arbeitszusammenhänge der anderen Projektbeteiligten. Dieses (oft implizite) Wissen können sie später in anderen Zusammenhängen wieder einsetzen.

Zudem können schon während der Laufzeit des Projektes erste Ergebnisse oder Ideen von Akteur*innen in anderen Kontexten aufgegriffen werden. Auf diese Art erfolgte Übertragungen sind nur schwer zurückzuverfolgen und vonseiten der Projekte kaum kontrollierbar, jedoch durch die Außendarstellung der Projekte und die Netzwerkarbeit der Beteiligten strategisch adressierbar.

 

Übertragungen lassen sich aus dem Ursprungskontext heraus nur bedingt planen und steuern

Ob und wie Übertragungen tatsächlich erfolgen, lässt sich aus der Projektperspektive nur bedingt planen und steuern. Es ist zum Beispiel aus dem Ursprungskontext heraus nicht beeinflussbar, ob der Abholkontext Ressourcen für eine Aneignung und Anpassung von Ergebnissen mobilisieren kann. Die Entscheidung, ob und welche Ergebnisse sie aus dem Ursprungskontext aufnehmen, liegt bei den Akteur*innen im Abholkontext, denn nur die dort aktiven Personen wissen, was sie genau benötigen und was in ihren Möglichkeiten liegt. Für das Gelingen von Übertragungen tragen – wie bereits erwähnt – also auch die Beteiligten in den Abholkontexten Verantwortung.

Ein direkter Austausch zwischen den Kontexten ist förderlich für eine gelingende Übertragung. Die Akteur*innen aus dem ursprünglichen Projekt können die beteiligen Personen in potenziellen Abholkontexten strategisch adressieren und ihre Ergebnisse so aufbereiten, dass sie für unterschiedliche Abholkontexte zugänglich und nutzbar sind. Oft ist ein Austausch nicht möglich. Es ist deshalb sinnvoll, Ergebnisse mit unterschiedlicher Beschaffenheit „aufzubereiten“ und damit unterschiedliche Akteur*innen zu adressieren und auch auf unterschiedliche Arten der Aneignung abzuzielen. Das können beispielsweise Exkursionsangebote, Bücher, Leitfäden, Workshops oder eine Software sein, die ermöglichen, Lösungsansätze zu reflektieren, zu imitieren, zu erproben oder anzuwenden. Ganz passgenau wird diese Aufbereitung aber nie sein können. Übertragung kann nicht auf Replikation reduziert werden.

 

Übertragungen sind wechselseitige Prozesse

Übertragungen gehen über Senden und Empfangen hinausgeht. An den Prozessen der Übertragung beteiligen sich im Idealfall Personen aus beiden Kontexten aktiv. Die Beteiligten im Abholkontext interpretieren die Ergebnisse, sie übersetzen und entwickeln sie – im günstigsten Fall gemeinsam mit dem Ursprungskontext – für die Aneignung weiter.

Die Adressierung, Ansprache und der Austausch mit Abholkontexten erfordert Kapazitäten und Kompetenzen der vermittelnden Personen. Nicht alle, die die Projektergebnisse kennen, sind in der Lage, dieses Wissen auf die Bedürfnisse der Akteur*innen abzustimmen und weiterzugeben. Es ist deshalb sinnvoll, hierfür geeignete Personen und finanzielle Ressourcen frühzeitig vorzusehen. Bei Übertragungen nach Projektende ist ein direkter Austausch zwischen den Kontexten teilweise nicht mehr möglich, denn die personelle Kontinuität im Ursprungskontext ist durch auslaufende Projektstellen oft gefährdet.

 

Übertragungen brauchen einen systemischen Blick

Für Übertragung ist es wichtig, Projekte eingebettet in ihre größeren Zusammenhänge zu betrachten. Ein Projekt, das bewusst Übertragungspotenziale aufbauen möchte, sollte sich über die eigenen Kontextbedingungen und die der Abholkontexte im Klaren sein. Denn auch letztere sind in ein weiteres Umfeld eingebettet. Jedes Projekt hat etwa eine eigene Vorgeschichte und einen eigenen Bezug zu einem allgemeineren Handlungsfeld. Die Akteur*innen haben jeweils spezifische Befugnisse und Spielräume in ihrem Umfeld.

 

Der gezielte Aufbau von Übertragungspotenzialen ist ressourcenintensiv

Der Aufbau von Übertragungspotenzialen ist eine durchgehende Projektaufgabe, über die bei der Formulierung der angestrebten Wirkungen entschieden werden soll. Nur so können entsprechende Ressourcen vorgesehen werden. Nicht jedes Projekt kann und muss gleich viel leisten. Die Einschätzung von Übertragungspotenzialen und die Gestaltung konkreter Maßnahmen hängen immer mit der Zielsetzung bzw. mit der Fragestellung eines Projektes zusammen: Geht es im Projekt eher um ein fundiertes Verständnis des Problems in seinem jeweiligen Kontext, also beispielsweise darüber, welche Lücken es in der Wasserversorgung in einer bestimmten Gegend gibt? Oder sollen im Projekt Lösungsansätze erarbeitet und in einem neuen Kontext implementiert werden? Für wen sind die Erkenntnisse und Lösungsansätze relevant, wen betreffen sie? Der Aufbau von Übertragungspotenzialen hängt auch davon ab, wie das zu bearbeitende Problem geartet ist: Wie komplex und wie bekannt oder verbreitet ist das Problem? Wie wird der Problemdruck in einem größeren Umfeld wahrgenommen? Je nach Antwort auf diese Fragen unterscheiden sich die Vorgehensweisen, um Übertragungspotenziale aufzubauen: Manche Projekte setzen auf Veranstaltungen oder Öffentlichkeitsarbeit, andere auf personenbezogene Vermittlung, während wieder andere eine zielgruppenspezifische Aufbereitung der Ergebnisse vorziehen. Andere Projekte kooperieren bereits in der Projektlaufzeit mit potenziellen Abholkontexten und reflektieren mit ihnen gemeinsam ihre Ergebnisse auf Übertragungspotenziale.

Zentrale Gestaltungsfelder und Rahmenbedingungen für Übertragbarkeit

Die Ergebnisse von TransImpact beinhalten Hinweise darauf, wie Projekte von Anfang an Übertragungspotenziale aufbauen können und welche Maßnahmen sie ergreifen können, um diese Potenziale zu stärken. Die in der Grafik dargestellten Gestaltungsfeldern lassen sich in Anforderungen übersetzen.

TransImpact-Schema Übertragbarkeit

Schema zum Aufbau von Wirkungspotenzialen durch Übertragbarkeit

Bezug zu den Rahmenbedingungen für Übertragbarkeit

Die Rahmenbedingungen, Historizität, Förderbedingungen, heterogene Akteure und Umfeld, bleiben auch mit Blick auf den Aufbau von Übertragungspotenzialen relevant. Auch im Schwerpunkt Übertragbarkeit geht es weiterhin darum, einen Beitrag zur Lösung des gesellschaftlichen Problems zu leisten.

Die Perspektive auf die Rahmenbedingungen unterscheidet sich im Schwerpunkt Übertragbarkeit von den anderen Schwerpunkten von TransImpact (Problemkonstitution, Partizipation und Wissensintegration). Mit dem Fokus auf Übertragbarkeit wird der Blick des Projektes nach Außen, auch über den eigenen Projektkontext hinaus gerichtet. Die Ergebnisse eines Projekts (im Gegensatz zu den Prozessen im Projekt) und deren Vermittlung rücken in den Mittelpunkt. Aktivitäten zur Adressierung möglicher Abholkontexte werden wichtig. Den Blick im Schwerpunkt Übertragbarkeit nach außen zu richten, bedeutet auch, der Vor- und Nachgeschichte bzw. der Historizität eines Projektes Aufmerksamkeit zu widmen.

 

Übergreifendes Handlungsprinzip: Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist das verbindende Element zwischen den Rahmenbedingungen und den Gestaltungsfeldern. Es ist das Handlungsprinzip, das im gesamten Prozess Berücksichtigung finden soll.

Um Übertragungen zu ermöglichen ist es wichtig, während der gesamten Laufzeit aufmerksam zu sein:

  1. Für das Umfeld: Während der Projektlaufzeit können Veränderungen stattfinden, zum Beispiel Gesetzesänderungen, Zuspitzung des Problems oder eine veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung des Themas. Diese Veränderungen sind Gelegenheitsfenster, welche für das Projekt neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder verschließen oder die Perspektive Anderer auf das Projekt verändern.
  2. Für mögliche Wirkungen während der Projektlaufzeit: In der Analyse hat sich herausgestellt, dass Wirkungen, die sich bereits während der Projektlaufzeit einstellen, Übertragungspotenziale anzeigen und fördern können. Wirkungen verweisen darauf, dass etwas ‚gut funktioniert‘ und auch für andere Kontexte interessant sein könnte.

Weiter sollen die Projektbeteiligten versuchen, andere Kontexte aktiv auf das eigene Projekt, Ergebnisse oder Wirkungen aufmerksam zu machen. So können zum Beispiel durch Öffentlichkeitsarbeit oder durch gute Ergebnisaufbereitung potenzielle Abholkontexte angesprochen und informiert werden.

Mit der Beschreibung der Anforderungen Ergebnisse aufbereiten, Mittler*innen unterstützen und Abholkontexte adressieren sowie Methoden schlagen wir Handlungsmöglichkeiten für den Aufbau von Übertragungspotenzialen vor.

Bei der Zusammenstellung der Methoden und Vorgehensweisen haben wir auf Quellen zurückgegriffen, die Methoden, Instrumente und Vorgehensweisen transdisziplinärer Forschung beschreiben. Sie lassen sich noch weiter ergänzen – und dazu möchten wir Sie im Sinne einer weiterführenden Diskussion in der transdisziplinären Community an dieser Stelle gerne auffordern.

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